2017-06-21

Kurze Unterbrechung der Ratlosigkeit anlässlich des G20-Protestes in Deutschland

2001 bin ich im Rahmen eines Linken Projektes in den südlichen Senegal gereist, um dort eine Internet-Infrastruktur aufzubauen und die Leute im Umgang mit Computer und Internet zu schulen. Das Ziel war es vor allem, den ungehinderten Zugang zu Informationen zu fördern und somit Bildung voranzutreiben.

Heute zerstören andere linke Gruppen die Internet-Infrastruktur in Deutschland. Weil hier "insbesondere Daten" fließen. "Daten als Basis der Erfassung zur Be- und Ver-wertung von allem. [sic!]" (Link)

Ihr seid so arrogant. Glaubt ihr denn, die in Deutschland lebenden Menschen benötigen keinen ungehinderten Zugriff auf Informationen und Bildung?

Als Mitbegründer einer in den 90er Jahren gestarteten linken Kommunikations-Infrastruktur in Deutschland habe ich mich lange schon mit der Fragestellung der Dezentralisierung wichtiger Infrastruktur befasst - das ist heute aktueller denn je: Wir müssen mehr Mail- und Jabber-Server betreiben und TOR-Nodes bereitstellen. Im idealen Fall betreibt jeder Mensch einen eigenen Mailserver um repressiven Schlägen gegen zentrale Mailprovider vorzubeugen. Die heutige Technik erlaubt all das, wovon wir in den 90ern geträumt haben: In den meisten deutschen Ballungsregionen ist der Betrieb eigener Server mit den vorhandenen Breitbandanschlüssen technisch umsetzbar.

Und genau hier setzt eure Sabotage-Aktion an: Die Zerstörung der Kommunikations-Leitungen an Bahntrassen trifft Privatleute. Die Konzerne und Banken gegen die sich eure Wut zurecht richtet besitzen redundante Rechenzentren mit mehreren Internetanbindungen. Im Bankenumfeld ist dies sogar gesetzlich vorgeschrieben.

Im Lower Class Magazine wird völlig zurecht die Bewegung 2. Juni zitiert:

Die Aktionen "sollten Menschen politisch für uns gewinnen und sie nicht dem Staat in die Arme treiben. Es ist keineswegs besonders revolutionär, auf die Sympathien des Volkes zu scheißen." (Link)

Eure Aktion bewirkt das Gegenteil dessen, was ihr wirklich wollt.

Unser Land entwickelt sich wie andere westliche Staaten auch, zu einem Überwachungsstaat der die freie Nutzung des Internet mit allen Mitteln bekämpft. Die Regierungen implementieren umfassende Überwachungsmaßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung und den Staatstrojaner, obwohl ganz offensichtlich gegen die Verfassung verstoßen wird. Die Innenministerien und Geheimdienste haben Angst vor freier, unkontrollierbarer und redundanter Infrastruktur. Deswegen sind sie dabei Verfahren zu verbieten und zu reglementieren, die eine Basis für ein freies Kommunikationsnetzwerk bilden.

"Alles, was der Feind bekämpft, müssen wir unterstützen; alles, was der Feind unterstützt, müssen wir bekämpfen." (Mao Tse-Tung)

Der Staat tritt dem Internet energisch entgegen und malt es in den schwärzesten Farben. Das zeigt, dass die Funktion des Internets glänzende Erfolge erzielt hat. Go figure!


Posted by Thorsten (THS) Schroeder | Permanent link | File under: rant, g20, politics